Was wir von der Liebe verstehen

2007 dachten wir schon, dass wir alles über die Liebe wissen und schrieben ein Buch darüber. Schnell merkten wir, wieviel wir noch lernen müssen. Dazu unser Interview.

Jetzt schreiben wir an einer Gebrauchsanweisung für die Liebe.

»Unbedingt lesen, weil dieses schlaue Paar so herrlich kindisch streitet.« (Emotion)

»Das Autorenpaar erzählt die Geschichte der eigenen Liebe und fasst all das in Worte, was man sich in Beziehungen selbst nicht zu sagen traut. Und plötzlich versteht man Frauen und Männer ein bisschen besser.« (Glamour)

Leseprobe aus "Was wir von der Liebe verstehen"

bei btb 2007 erschienen (2018 editiert)

Was wir von der Liebe verstehen

 

Wir lieben uns seit fast 25 Jahren. Das ist das Alter unseres Sohnes plus eins. Oder unserer Tochter plus drei. Nicht dass wir vorhatten, Kinder zu haben, es passierte einfach, so wie die Liebe ohne Vorwarnung kam.

 

Nach zwölf Jahren, sieben Büchern, vier Umzügen in drei verschiedene Länder und zwei Kindern heirateten wir im Meldeamt einer kleinen Provinzhauptstadt in Südafrika zwischen Tankstelle und Metzgerei, während eine Gruppe Gefangener in Orangen Overalls und Fußfesseln an uns vorbeischlurfte.

 

2 Jahre später haben wir wieder geheiratet. Die Kirche war eine alte Gemeindehalle, der Pfarrer ein Surfer in Jeans, und anschließend gab es ein Fest im Garten mit siebzig Gästen und drei riesigen Töpfen Chili con Carne. Wir waren glücklich und verliebt wie am ersten Tag.

 

Wir dachten, wir haben etwas geschafft, woran viele scheitern. Wir lieben uns immer mehr nach so vielen Jahren, wir wissen etwas, was viele nicht wissen, und aus dem Stolz und dem Glück entstand die Idee für dieses Buch.

 

Voller Euphorie begannen wir zu schreiben, doch es kam ganz anders. Ehe wir's uns versahen, steckten wir in einer Krise. Auf einmal schien unsere Liebe eine Geschichte von Streit, Einsamkeit und Kompromissen.

 

In einigen Dingen hatten wir uns arrangiert, andere tolerierten wir stillschweigend. Wir mussten genauer hinsehen. Wir mussten zurückgehen zu unseren Idealen, Ansprüchen und Sehnsüchten.

 

Schicht für Schicht legten wir unsere Liebe frei und verstanden mehr und mehr. Manches lag begraben, anderes war nie ausgesprochen worden, und wir stellten fest: Wir müssen ehrlich sein bis auf die Knochen, wenn wir unsere Liebe retten und sie wachsen lassen wollen.

 

Wir haben uns eine tiefere Einsicht erschrieben und darüber eine Erkenntnis gewonnen, die wir überglücklich teilen wollen.

 

So wie wir von anderen Paaren und deren Liebe inspiriert wurden, möchten wir unsere Geschichte mit all denen teilen, für die die Liebe eine Herausforderung ist.

 

Unsere Liebe ist einzigartig, aber wir haben gegensätzliche Charaktere, Wünsche und Vorstellungen, wir haben Geldsorgen, Kinder, Schwiegermütter und unerfüllte Wünsche wie andere auch.

 

Unser Buch ist ein Geständnis, und es ist eine Verbeugung vor der Liebe, die größer ist als wir.

 

Elke Naters und Sven Lager

 

 

 

 

"Love begins to be a demon the moment it begins to be a god" C. S. Lewis

 

Liebe

 

Ich habe mich in meinem Leben aus vielen Gründen verliebt. Ich habe mich in Männer verliebt, weil sie eine Zahnlücke hatten, weil sie gut tanzen konnten, gut küssten, Schotten waren, weil sie mich wollten, ich sie wollte, jemand anderes sie wollte, weil ich nicht allein sein wollte oder weil sie mir zu einem bestimmten Moment genau das gaben, was ich brauchte.

 

Und ich habe mich in Männer verliebt, obwohl sie mich nicht liebten, obwohl sie nicht tanzen oder küssen konnten, obwohl sie keine Schotten waren, keine Zähne hatten, obwohl sie an mir klammerten, taub und süchtig waren und obwohl sie nichts von dem wollten, was ich wollte. Nur schön waren sie alle.

 

Viele habe ich nur einen Augenblick geliebt, in dem ich die Erfüllung aller Träume und Sehnsüchte aufblitzen sah, andere eine Nacht, Wochen, Tage oder Jahre. Ich hatte sogar Zeit mit einem Mann verbracht, den ich nicht liebte, in der Hoffnung, ich könnte ihn eines Tages lieben, so verzweifelt war ich, Liebe zu finden.

 

Den Mann, dem ich wirklich verfallen war, hielt ich für meine große Liebe. Liebe war für mich, wenn ich vor Eifersucht nicht schlafen konnte, wenn mein Lebensglück davon abhing, wie gut wir uns verstanden, wenn mein Tagesablauf sich darum drehte, wann er Zeit hatte und wir uns sehen konnten. Er bestimmte unser Zusammenleben und mein Glück.

 

Wenn ich unglücklich war, weil ich mich nicht genug geliebt fühlte, betrog ich ihn. Ich versuchte mich in andere Männer zu verlieben, aber es funktionierte nicht, weil ich alles nur wegen ihm tat.

 

Ich dachte, so fühlt sich große Liebe an. Das ist Leidenschaft. Wer will sich schon mit lauwarmen Verhältnissen aufhalten. Ich wollte die ganz große Liebe, und die hatte ich offensichtlich. Ich hatte mich selbst verloren in meiner Liebe. Es war eine schöne, große Liebe, aber eine ungesunde.

 

Ich idealisierte den Mann, den ich liebte. Ich vervollständigte ihn in meiner Vorstellung. Alles, was er nicht war, wünschte ich mir dazu. Ich verzweifelte daran, dass er nicht so war, wie ich ihn mir wünschte. Warum konnte er nicht aufmerksamer, zärtlicher, liebevoller sein, mehr Zeit für mich haben und weniger selbstbezogen sein, denn dann wären wir perfekt!

 

Ich projizierte mein Liebesideal auf ihn und verzweifelte daran, dass sich Bild und Realität nicht deckten. Je mehr ich verzweifelte, desto mehr wollte ich, dass er so war, wie ich ihn haben wollte, und ich dachte, weil ich ihn trotz allem liebte, muss er meine große Liebe sein, und hielt noch mehr an ihm fest.

 

Irgendwann begriff ich, dass ich diesen Traum mehr liebte als den Mann. Meine große Liebe war der Mann, der er hätte sein können. Der Mann, der mich hätte glücklich machen können. Noch viel später sollte ich erkennen, dass ich Ansprüche an ihn gestellt hatte, die er gar nicht erfüllen konnte, dass ich ihm zum Vorwurf gemacht hatte, nicht so zu sein, wie ich ihn haben wollte, dass er mich nicht so liebte, wie ich geliebt werden wollte. Ich sah nicht, was er für mich tat, sondern was er nicht tat.

 

Erst zwanzig Jahre später begriff ich, dass ich am Scheitern dieser Liebe, für die ich ihm alle Schuld gab, selbst verantwortlich war. Er liebte mich, so gut er konnte, aber seine Liebe war nie gut genug für mich. Ich begann zu bereuen, und mit der Reue kam die Heilung.

 

Ich kann nicht wieder zurückgehen und alles richtig machen, aber ich kann daraus lernen und es heute besser machen. Um glücklich zu werden musste ich meine Vorstellung von der Liebe ändern: weg von einer Liebe der Leidenschaft, die existenzerschütternd ist, die mich umreißt, mir den Kopf verdreht, mich nicht mehr schlafen und essen lässt, und hin zu einer Liebe, die mich stärkt.

Elke

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